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Postfaktum

Key Points:

  • Alternative facts do not replace epistemology
  • Feelings and emotions can not replace critical science and research

Am 22. Januar 2017 fiel dieser bedeutende Satz; in einem Interview von Chuck Todd mit der Beraterin des US Präsidenten Kellyanne Connway in der NBC Sendung ‘Meet The Press’. Angesprochen auf die unrichtigen Angaben des Regierungssprechers Sean Spicer zu den Besucherzahlen während der Inauguration des US Präsidenten antwortete Connway: “What– You’re saying it’s a falsehood. And they’re giving Sean Spicer, our press secretary, gave alternative facts to that.”(1) Da war sie ausgesprochen, die Idee von ‘alternativen Fakten’ als eine Art von Fakten, die nicht den real wahrgenommenen Fakten entsprechen.

‘Alternative Fakten’ reihen sich gegenwärtig in eine Sammlung von Begriffen ein, die wie ‘postfaktisch’, ‘post truth’ und ‘Fake News’ den Wert von faktenbasierten Diskursen in Frage stellen. Eigentlich wird mit diesen begrifflichen Konstrukten versucht, einen Ausweg aus dem empirischen Gewirr und dessen erkenntnistheoretischen Dilemmata (Was können wir wissen? Wie können wir wissen, was wir wissen?) zu finden. Im Grunde bleiben die Begriffe aber nur eine Verkürzung , denn sie versuchen die empirische Wertung (Welche Fakten bestätigen oder widerlegen die eigene Wertung) zu Gunsten einer emotionalen Wertung (Wie gut fühlt sich die Wertung an?) aufzugeben. Ziel der emotionalen Wertung ist es, sich wenigstens einer emotional befriedigenden Ontologie (Wie ist die Welt beschaffen?) zu nähern. Zweck dieser Ontologie ist das sinnstiftende Weltbild, das hauptsächlich der Selbstvergewisserung und  weniger dem Erkenntnisfortschritt dient. Daher darf die Sinnstiftung eben nicht diskursbelastet, methodenaufwendig und damit alles in allem mühsam sein. In dem emotionalen Erkenntnisprozess sollten Fakten schnell, anschlussfähig, einfach zu verarbeiten und affektiv sein; und dies gelingt in einfachen Weltbildern leichter als in der komplexen Welt empirischer Daten und methodisch gesicherter Erkenntnisprozesse.

Nun hat der Philosoph Markus Gabriel für diesen Vorgang bereits die Idee der “Ontologischen Reduktion” (Gabriel, 2013, 53) geprägt: Demnach wird ein objektiver Diskurs zum Geschwätz, weil ein Gegenstandsbereich zu einem bloßen Redebereich verkommt. Es geht im Redebereich eben nicht mehr um die ontologische Begründung und stringent erkenntnistheoretisch Analyse, mit der Absicht Wissen zu generieren. Diese Verkürzung von Diskursen auf erkenntnistheoretisch leere Redebereiche mache laut Gabriel eine Irrtumstheorie nötig. “Eine IRRTUMSTHEORIE (sic!) erklärt den systematischen Irrtum eines Redebereichs und führt diesen auf die fehlerhaften Annahmen zurück.” (Gabriel, 2013, 54). Es stellt sich dann aber eine einfache Frage: Wo bleibt die Irrtumstheorie bei alternativen Fakten und  postfaktischem Gerede? Die Notwendigkeit einer derartigen Irrtumstheorie lässt sich auch aus dem Widerspruch ableiten, dass alternativen Fakten und postfaktische Argumente etwas zu begründen vorgeben, obwohl die Begründung an sich wiederum Fakten bedarf. Es gibt keine Begründung ohne Fakten. Aber wenn eine Begründung nur eingeschränkt auf Gründen beruht, dann ist sie zwar eine Begründung, aber faktisch wertlos.

Das Problem vom fehlenden empirischen Begründungswillen wird noch größer, wenn man die Frage nach der Methode stellt, mit der die erkenntnistheoretischen Prozesse ermöglicht werden. Die emotionale Begründung von Erkenntnissen führt schnell zu der Einsicht, dass es sich hierbei eher um ein affektives denn um ein analytisches Vorgehen handelt. Die Methode der emotionalen Bewertung ist im affektiven Vorgehen vollständig abhängig von den individuellen psychologischen Dispositionen. Und sie ist damit weder verallgemeinbar noch intersubjektiv vermittelbar. Es fehlt das wesentliche Element der objektiven Überprüfbarkeit von analytischen Vorgehensweisen.

So bleibt abschließend nur zu fordern, dass wissens- und faktenbasierte Argumente immer begründbar, nachvollziehbar und bestenfalls mit einer Abschätzung des Irrtums sein sollten.

(1) http://www.nbcnews.com/meet-the-press/meet-press-01-22-17-n710491. Last Retrieved on 09.02.2017.

Literatur

Gabriel, Markus (2013): Warum es die Welt nicht gibt. 3. Aufl.. Berlin. Ullstein.