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Angewandte Politikwissenschaft

In einer globalisierten und international dicht vernetzten Welt sind die Anforderungen an zukünftige Fach- und Führungskräfte entsprechend vielfältig und teilweise kaum greifbar. Klassische Berufsbilder des Ingenieurs, der Managerin oder der wissenschaftlichen Angestellten werden oft sehr schnell mit den notwendigen Fähigkeiten assoziiert. ‘Rechnen’, ‘führen’ und ‘analysieren’ können, sind dabei oft zu hörende Aussagen. Doch welche anderen Berufsbilder und Tätigkeitsfelder gibt es jenseits dieser klassischen Vorstellungen? Welche Herausforderungen stellen sich in diesem Zusammenhang der Lehre und Forschung an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften? Dies soll an einem Beispiel mit eigenen Erfahrungen in dem Bachelor Studiengang International Relations and Management aufgezeigt werden.

An der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg existiert mit dem Bachelor Studiengang International Relations and Management ein Programm, in dem explizit politikwissenschaftliche Inhalte aus den Internationalen Beziehungen unterrichtet werden. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Aufgabe, Politikwissenschaft als angewandte Wissenschaft zu lehren. Grundsätzlich sieht man sich dabei drei großen Herausforderungen gegenüber. Erstens ist die Theorie – und Forschungsbreite des Faches derart groß, dass eine Einschränkung auf wenige Teilgebiete wie z.B. der vergleichenden Politikanalyse, der Internationalen Beziehungen oder der Europäischen Politik einer Gesamtvernachlässigung des fachwissenschaftlichen Kanons gleichkommt. Zweitens weist die Politikwissenschaft in ihrem Methodenspektrum eine Vielfalt von Ansätzen auf, die teilweise konträr nebeneinander stehen und fast schon dogmatische methodologische Fachdispute implizieren. Eine Übersicht und anwendende Übungen zu unterrichten bleibt auch hier mit Verkürzungen verbunden. Drittens trägt Politikwissenschaft in ihrer Anwendung stets einen normativen Charakter, der mit Hinweis auf die Komplexität der Wissensgesellschaft als bereits durch die Stellung der Experten legitimiert angesehen wird. Angesichts dieser drei großen Herausforderungen ist es eine besonders spannende und lohnende Aufgabe, Politikwissenschaft als angewandte Wissenschaft zu vermitteln.

Um sich dem Thema internationale Politik zu nähern, empfiehlt es sich, angewandte Politikwissenschaft als handlungspraktische Aufgabe zu verstehen. Demnach bestehen die Aufgaben von politikwissenschaftlicher Expertise, öffentliche Akteure in der Gestaltung  und Durchsetzung von öffentlichen Herrschafts- und Ordnungssystemen nicht nur zu analysieren, sondern bei den Prozessen sowie Strukturentwicklung zu beraten. Somit ist angewandte Politikwissenschaft eine gesellschaftliche und öffentliche Aufgabe, die sich mithin sofort der Kritik ausgesetzt sieht, dass sie nicht mehr unabhängig und wertfrei agiert. Dieser Kritik lässt sich entgegenstellen, dass angewandte Politikwissenschaft unserem gesellschaftlichen Konsens von Menschenrechten und freiheitlich demokratischer Grundordnung nicht widersprechen darf, da dies die Grenze jeglicher Freiheit in der Bundesrepublik darstellt. Wenn gleich dieses Selbstverständnis bei den angewandten Politikwissenschaften als sperrig wahrgenommen wird, so ist er doch in allen anderen sozialwissenschaftlichen, technischen und naturwissenschaftlichen Fachrichtungen selbstverständlich. Hier liegt eine Aufgabe von angewandter Politikwissenschaft, dieses Selbstverständnis zu vermitteln und als Engagement in einer Zivilgesellschaft von Studierenden zu fordern wie zu fördern.

Angewandte Politikwissenschaft darf sich in einer globalen und international vernetzten Gesellschaft und Wirtschaft auf keinen Fall nur auf das innenpolitische Themengebiet fokussieren, sondern muss gerade wegen dieser eigendynamischen Internationalisierung den Blick auf die Kompliziertheit von Regelungen der Macht und Ordnung in den internationalen Beziehungen richten. Gleichzeitig gilt es die vielschichtigen Wechselwirkungen auf die regionale und damit unmittelbar erlebte Wirklichkeit zu verdeutlichen und zu verstehen. Folglich ist es zwar im Sinne einer fachdidaktischen Gliederung praktikabel, das Fach in Teilbereiche zu untergliedern. Letztlich gilt es aber von Beginn an, die Studierenden mit diesen gegenseitigen Wechselwirkungen zu konfrontieren und ihnen eine eigenständige Urteilsfähigkeit zu vermitteln.

Eine eigenständige Urteilsfähigkeit zu vermitteln, bedeutet sich zunächst in der Lehre auf jene Methoden zu konzentrieren, die bei den Studierenden eine Analysefähigkeit entwickeln. Nach dem allgemeinen Verständnis von Kompetenzen beginnt Lernen mit Verstehen und führt dann über die Analyse und Synthese zur Anwendung von Fachkompetenzen in komplexen Problemstellungen. In diesem Sinne sollte angewandte Politikwissenschaft den Fokus nicht auf die Vermittlung von Theorien und methodischer Theoriearbeit richten, sondern auf die Methoden der empirische Sozialforschung und der Hermeneutik, d.h. der Analyse auf der Basis von Verstehen und Interpretation von Quellen und Beobachtungsdaten. Insbesondere in diesem letzten Punkt zeigt sich die klassische Politikwissenschaft oftmals nicht ausreichend anwendungspraktisch aufgestellt.

Man kann diesen genannten Herausforderungen durch einen innovativen Weg begegnen. Angewandte Politikwissenschaft darf nicht als das Lernen und die prüfungszentrierte Abfrage von Politikern, Staatssystemen und Gesetzgebung missverstanden werden. Die Studierenden sollen vielmehr aufgefordert werden, jene Themenbereiche des öffentlichen Handelns zu identifizieren, die eine unmittelbare Relevanz zu ihren Studieninteressen aufweisen. Ausgehend von diesem Themenbereich werden die Studierenden dann mit der Aufgabe betraut, die öffentlichen Auswirkungen und Einwirkungen zu identifizieren und die Frage nach der öffentlichen Regelung zu stellen.

Dieses forschende und analysierende Vorgehen wirft bei den Studierenden zunächst mehr Fragen denn Antworten auf. Und wiederholt zeigen sich die Studierenden im Verlauf unzufrieden mit der fehlenden Stoffvermittlung und inhaltlichen Tiefe der Seminare. Interessanterweise fallen die Rückmeldungen dann nach absolvierten Praktika und Auslandsstudienaufenthalten zu diesem Vorgehen explizit positiv aus. In diesen Praktika haben Studierende erfahren können, dass in allen Arbeitsbereichen öffentliche und damit politische Regelungen einen erheblichen Einfluss auf die eigene Arbeit haben.

Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Lehre von Politikwissenschaften ziehen? Zunächst hat sich gezeigt, dass der klassische Theorienkanon der Fachdisziplin sicherlich von hohem akademischem Interesse und wissenschaftlichen Nutzen ist, aber für eine anwendungsorientierte Lehre nur bedingt Relevanz besitzt. Zumal die Theoriearbeit wenig interdisziplinär angelegt ist und damit viele anwendungsorientierte Aspekte außer Acht lässt. Entscheidender ist es, den Studierenden Analysewerkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie dann in einem Anwendungskontext arbeiten und handeln können. Ziel muss es sein, den Studierenden nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern ihnen das Werkzeug zur Erschließung von Wissen an die Hand zu geben. Die damit verbundene Urteilsfähigkeit wird dann jedoch zu wenig reflektiert und in einen modell- und theoriebezogenen Kontext eingebunden. Das wird aber an anderer Stelle noch zu diskutieren sein.